Ein trauriges, reiches Gedankenexperiment.
Elon Musk und ich, wir führen eine sehr einseitige Beziehung. Er weiß nichts von mir, ich dafür ein bisschen zu viel von ihm. Nennen wir es aber bitte nicht Beziehung, denn er und ich sind das Gegenteil und ich möchte nie etwas mit ihm zu tun haben.
Wenn du hier im Atomlabor regelmäßig mitliest, kennst du das Kapitel Musk schon:
Erst die unsägliche Geste bei Trumps Amtseinführung, die ich in „Elon Musk und der Hitlergruß“ auseinandergenommen habe.
Dann die Handelsnummern zwischen USA, Europa und China, über die ich in „Handelskriege und weltfremde Machtspielchen“ geschrieben habe.
Und dazwischen die Sache mit der KI, wo ich in „KI – von Fortschritt zur Manipulation“ gezeigt habe, wie u.a. Techbosse unsere Aufmerksamkeit und unsere Demokratie weichkochen.
Jetzt stehen wir hier und reden über einen (!!!) Menschen, dessen Vermögen irgendwo zwischen 450 und 500 Milliarden Dollar geschätzt wird. Absurd oder?
Ein Großteil davon steckt in Tesla, SpaceX und xAI. Das ist eine Summe, mit der man nicht nur Spielzeugraketen, Social Networks, humane Roboter und Roboterautos finanziert, sondern in der Theorie komplette Weltregionen neu aufstellen könnte. Das ist mehr als viele Staaten zusammen im Jahr für alles ausgeben, was mit Leben, Bildung und Gesundheit zu tun hat.
Und trotzdem wird dieses Geld vor allem dafür eingesetzt, Musk als Marke größer zu machen, nicht die Welt wirklich zu verbessern. Es ist die gleiche Logik, mit der ein Trump sein Präsidentenamt als private Bühne begreift und ein Putin ein Nachbarland überfallen lässt, um alte Großmachtfantasien zu bedienen.
Macht wird mit Lautstärke verwechselt, Dominanz mit Zerstörungskraft. Wahre Macht wäre etwas anderes, nämlich die Fähigkeit, die Menschheit als Ganzes weiterzubringen, Wunden zu heilen, Strukturen aufzubauen, die auch dann noch tragen, wenn der eigene Name längst aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Stattdessen erinnern viele dieser Superreichen unangenehm an das Experiment Universum 25 von John B. Calhoun. Ein künstliches Paradies, in dem Mäuse unendlich Futter, Platz und Sicherheit hatten und die Gesellschaft trotzdem kollabierte, weil soziale Bindungen erodierten, Empathie verschwand und jeder nur noch um sich selbst kreiste. Nicht der Mangel an Ressourcen, sondern die Auflösung sozialer Strukturen war und ist die treibende Kraft hinter dem Zusammenbruch von Systemen. Genau dort landen wir, wenn Menschen mit absurd viel Geld lieber in ihre eigenen Egos investieren, als in Gemeinschaft und Verantwortung. Dort, wo soziale Kälte herrscht und Zynismus als Cleverness gilt, ist der Abgrund nah.
Also drehen wir heute das Ding doch einmal um.
Kein weiterer Meme-Post, keine weitere „ich sag nur, was sich niemand zu sagen traut“ Pose, sondern eine simple Frage:Was wäre, wenn der reichste Mann der Welt an einem Montagmorgen aufwachst, sich den Kaffee eingießt und denkt: „Okay, ich habe genug. Ab jetzt ist dieses Vermögen kein Ego-Booster mehr, sondern Werkzeug für Menschen, die nichts haben.“
Was er und weitere Reiche, mit seinem/ihrem Vermögen wirklich anstellen könnte(n) | Ein paar sehr konkrete Vorstellungen
Fangen wir beim offensichtlichsten Thema an, für das es nicht einmal eine fancy KI-PowerPoint braucht:
Hunger.
Schätzungen liegen bei grob 35 Milliarden Dollar pro Jahr, um die schlimmsten Hungerkrisen weltweit zu bekämpfen und nachhaltige Ernährungssicherheit aufzubauen. Kein PR-Stunt, sondern langfristige Programme für lokale Landwirtschaft, Lager, Logistik, Ausbildung. Musk könnte zehn Jahre lang so ein Programm finanzieren, ohne dass sein Lebensstandard auch nur messbar leidet. Am Ende stünden weniger Schlagzeilen über Katastrophen und mehr über Regionen, die sich selbst versorgen können.
Das nächste Kapitel ist Wasser.
Sauberes Trinkwasser und vernünftige Sanitärversorgung für alle Menschen auf diesem Planeten sind kein Science-Fiction Projekt, sondern eine Infrastrukturaufgabe. Leitungen, Brunnen, Pumpen, Kläranlagen, Wartung. Es gibt Berechnungen, die dafür ein Investitionsvolumen im niedrigen dreistelligen Milliardenbereich ansetzen. Für ein einzelnes Land wäre das absurd. Für jemanden, der privat an der halben Billion kratzt, ist es plötzlich nur noch eine Frage, ob er will. Er könnte Projekte fördern, die lokale Strukturen stärken und nicht sein Gesicht auf jeden Wassertank drucken.
Eigentlich liegt auch das Thema Energiewende wie ein Geschenk vor ihm.
Er inszeniert sich seit Jahren als Mann der elektrischen Zukunft. Stell dir vor, dieser Ansatz würde wirklich global gedacht. Dezentraler Solarstrom in Regionen, in denen Menschen heute entweder Dieselgeneratoren hören oder gar nichts. Speicherlösungen, die nicht nur für Teslas interessant sind, sondern für Dörfer, Schulen, Krankenhäuser. Dazu Forschung an Technologien, die CO₂ aktiv aus der Luft holen und gleichzeitig Jobs vor Ort schaffen. Eine dreistellige Milliardensumme, klug verteilt, könnte mehr fürs Klima tun als alle Marsfantasien zusammen.
Dann die Menschen auf der Flucht.
Aktuell stecken Millionen in Lagern fest, weil Staaten lieber abschotten, als ernsthaft Lösungen zu finanzieren. In meinem Text über Handelskriege habe ich schon geschrieben, wie absurd es ist, wenn mächtige Männer mit Zöllen und Drohgebärden spielen, während am Ende ganz normale Leute die Rechnung zahlen.
Musk könnte also mit seinem Vermögen komplett andere Wege eröffnen:
sichere, moderne Städte für Geflüchtete und Vertriebene, mit Schulen, Kliniken, Infrastruktur, Internet, Jobs. Nicht als Hochglanz-Utopie, sondern als funktionierende Realität, die zeigt, dass Flucht kein lebenslanges Provisorium sein muss.
Digital wird es noch spannender.
Starlink könnte mehr sein als ein Business Case. Man stellt sich mal vor, der reichste Mann der Welt würde sagen:
„Alle Schulen, Unis und Bibliotheken in strukturschwachen Regionen bekommen Internet zum Selbstkostenpreis oder kostenlos. Und das unbegrenzt“
Dazu offene Lernplattformen, die Wissen wirklich frei zugänglich machen, statt Lernende zu monetarisieren. In meinem KI-Beitrag ging es darum, wie Algorithmen genutzt werden, um Hass, Desinformation und rechten Kulturkampf hochzudrehen. Und ein paar Monate später hat Musk dann seine Grokipedia veröffentlicht. eine Wissensdatenbank gefüttert u.a. mit Wikipedia-Inhalten und auf rechts gedreht. Im Oktober 2024 schrieb Musk auf X, Wikipedia werde von „far-left activists“ kontrolliert und rief dazu auf, keine Spenden mehr zu geben. WTF?! mal wieder. Und dabei ließe sich mit seinen Mitteln technisch genau die gleiche Infrastruktur verwenden, um Medienkompetenz zu vermitteln, Faktenwissen zu verbreiten und Menschen aller Altersgruppen beim Lernen zu begleiten, statt Hass und verdehte Fakten zu sähen.
Und dann ist da noch globale Gesundheit.
Die Gates Foundation zeigt seit Jahren, was passiert, wenn man viele Milliarden konsequent in Impfprogramme, Basisgesundheit und Forschung steckt.
Die Gates Foundation hat also mit Milliardeninvestitionen in Impfprogramme, Gavi und den Global Fund die globale Gesundheit spürbar verändert, Kindersterblichkeit gesenkt und Krankheiten wie Polio und Malaria stark zurückgedrängt. Gleichzeitig steht sie zu Recht in der Kritik, weil sie mit zweckgebundenen Milliarden-Spenden die Agenda von WHO und anderen Akteuren mitsteuert, technokratische und oft unternehmensnahe Lösungen etwa in Landwirtschaft und Bildung bevorzugt und damit lokale Bedürfnisse, demokratische Kontrolle und langfristige Nachhaltigkeit an den Rand drängen kann.
Damit Philanthropie mehr ist als ein Feigenblatt für Macht und Vermögen, braucht es genau hier natürlich mehr Transparenz, echte Beteiligung der betroffenen Communities und die Bereitschaft, Einfluss abzugeben statt ihn durch „Wohltätigkeit“ zu zementieren.
Und Musk könnte mit einem einzigen ernstgemeinten Gesundheitsfonds jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge in ähnliche Programme stecken. Nicht nur Apps gegen Langweile, sondern echte Kliniken, Medikamente, Präventionsarbeit.
Die Fußnote in der Weltgeschichte wäre eindeutig:
„Ja, Raketen sind beeindruckend, aber weniger tote Kinder sind es mehr.“
Warum passiert das nicht ???
Macht, Ideologie und ein komplett verschobener Kompass
Wenn du dir die letzten Monate und Jahre anschaust, liegt die Antwort unangenehm nahe. Dieser Mensch hat sich bewusst entschieden, mit Symbolen zu spielen, von denen er genau weiß, wie aufgeladen sie sind. Die Geste, über die ich im Hitlergruß-Artikel geschrieben habe, tauchte nicht in einer privaten Whatsapp-Gruppe auf, sondern auf einer Bühne vor einem politisch aufgeladenen Publikum. Danach gab es kein echtes Innehalten, keine reflektierte Entschuldigung, sondern Ironie, Relativierung und die üblichen Angriffe auf Medien und Kritiker. Danach sympatiebekundungen gegenüber der AfD und ein Aufstacheln per Videocall der far-right Bewegung in England.
Parallel dazu rückt er politisch immer weiter in ein Milieu, in dem Ressentiments gegen Minderheiten, Autoritarismus und völkische Fantasien normal sind. Musk ist rechtsextrem. Genau darüber habe ich in „Handelskriege und weltfremde Machtspielchen“ geschrieben. Wenn Musk mit Nationalisten, Autokraten oder kulturkämpfenden Präsidenten kokettiert, dann ist das nicht einfach „schlechter Humor“, sondern ein bewusst gesetztes Signal. Es geht um Macht, Stimmung, Deutungshoheit. Leute mit viel Geld mögen es nicht, wenn ihnen jemand Regeln erklärt. Also wird die eigene Reichweite genutzt, um Institutionen madig zu machen, die genau das versuchen.
Beim Thema KI ist das Muster ähnlich. Nach außen gibt er gerne den Warner vor Gefahren für die Menschheit. Gleichzeitig betreibt er Plattformen und Projekte, die genau diese Technologien in Umgebungen einsetzen, die Desinformation, Trolle und Radikalisierung belohnen. Wenn du dich erinnerst, in meinem KI-Text ging es um genau diesen Widerspruch: Die Technologie wird als Fortschritt verkauft, während sie politisch als Verstärker von Angst, Hass und Zynismus funktioniert. Echte Verantwortung würde bedeuten, die eigenen Geschäftsmodelle umzubauen. Das ist offensichtlich weniger attraktiv als noch ein viraler Clip.
Damit wird klar, warum unser „Was wäre wenn“ leider so theoretisch bleibt.
Es fehlt nicht an Geld, Ideen oder Hebeln, sondern an Bereitschaft, das eigene Ego kleiner zu machen als den eigenen Kontostand. Empathie heißt, sich selbst nicht als Mittelpunkt der Welt zu sehen. Bisher deutet bei Musk sehr wenig darauf hin, dass er diesen Schritt gehen will.
Was bleibt | Das größte verpasste Experiment der Gegenwart
Trotzdem lohnt es sich, dieses Gedankenexperiment durchzuspielen. Nicht weil wir ernsthaft darauf warten sollten, dass ausgerechnet so ein Elon Musk plötzlich zum uneigennützigen Weltverbesserer wird. Sondern weil sein Vermögen wie ein Scheinwerfer zeigt, was im 21. Jahrhundert möglich wäre, wenn solche Summen konsequent in Menschen statt in Machtspiele fließen würden. Ein einzelner Mensch könnte Hunger massiv eindämmen, Wasserversorgung sichern, Bildungsrevolutionen anstoßen, Gesundheitssysteme stabilisieren und Klimaschäden abmildern. Nicht alleine, aber als gewaltiger Katalysator.
Die Geschichte wird sich auf jeden Fall an ihn erinnern. Die Frage ist, mit welchem Schwerpunkt. Als Typen, der Raketen gebaut, Autos elektrifiziert und ein Social Network in eine toxische Echokammer verwandelt hat. Oder als jemanden, der irgendwann gemerkt hat, dass das größte Denkmal kein Denkmal ist, sondern Millionen Menschen, denen es objektiv besser geht, weil er sein Geld anders genutzt hat.
Im Moment spricht leider alles für Version eins.
Wir haben einen der reichsten Menschen der Geschichte, der seine Reichweite nutzt, um rechte Narrative größer zu machen, Handelskonflikte anzufeuern, KI in manipulativen Umgebungen laufen zu lassen und Kritik als Propaganda abzutun. Das ist eine Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue.
Im Mäusegehege war alles da: Futter, Wasser, Sicherheit. Was fehlte, waren stabile soziale Strukturen. Die Tiere zogen sich zurück, wurden aggressiv oder apathisch und das System kippte, obwohl die Ressourcen nie knapp wurden. Wir Menschen sind gerade auf dem besten Weg, die Hightech Version dieses Experiments zu spielen. Nur dass unser Gehege aus Plattformen, Filterblasen, Milliardären und Marken besteht, nicht aus Plexiglas und Futterspendern.
Wir erwarten von ein paar Alpha Figuren, dass sie alles richten, während wir ihnen gleichzeitig erlauben, die Regeln zu schreiben. Genau wie bei den Mäusen bricht nicht zuerst der Futterstrom zusammen, sondern die Gemeinschaft. Empathie wird zur Schwäche erklärt, Rücksicht zur Störung des Marktes, Solidarität zum Geschäftsrisiko. Und irgendwann fragt sich keiner mehr, wie krank das eigentlich ist, weil das Gehege so schön glänzt.
Wir sollten nicht auf den magischen Moment warten, in dem ein Milliardär plötzlich sein Herz entdeckt. Wir sollten darüber reden, wie absurd es ist, dass wenige Einzelne in der Lage wären, ganze Weltregionen zu heilen oder zu beschädigen, je nachdem, wie sie morgens gelaunt sind. Und wir sollten diese Mär vom genialen Tech Messias endlich dahin packen, wo sie hingehört: ins Regal der gut gemachten, aber brandgefährlichen Science Fiction. Und da kommt auch ein Zuck und ein Bezos mit rein.
Machen wir es also wie die Mäuse.
Denn wenn das größte denkbare Menschheitsexperiment darin besteht, ob der reichste Mann der Welt irgendwann spontan ein Gewissen entwickelt, dann ist die eigentliche Pointe bitter einfach:
Wir sind dann nichts anderes als die Mäuse in Universum 25, nur mit besserem WLAN.
Und ganz ehrlich: Wenn das der Plan sein soll, können wir die Verantwortung auch direkt an einen Tesla Autopilot übergeben und hoffen, dass der dieses Mal nicht wieder ins nächste Betonhindernis fährt. Die Mäuse hatten wenigstens keine Wahl.
Wann kommt endlich die Revolution? Wann?
Musste ich nur mal wieder loswerden und dabei nicht vergessen:
Marty McFly told me the Future will be Great.


