Kokoroko sind zurück
Erinnerst du dich noch an meinen Beitrag über Kokoroko von 2022? Damals hatte ich das Debütalbum Could We Be More über Gilles Petersons Brownswood Recordings angekündigt und war völlig hin und weg von der Mischung aus Afrobeat und UK Jazz.
Zwei Monate nach der Veröffentlichung wurde ich in meiner Einschätzung bestätigt:
Das Album wurde in den Kreisen, in denen ich mich bewege, regelrecht gefeiert. Jetzt, drei Jahre später, legen Sheila Maurice-Grey, Onome Edgeworth und ihre Mitstreiter mit Tuff Times Never Last nach und zeigen dabei eine musikalische Reife, die mich noch mehr begeistert als ihr ohnehin schon beeindruckendes Debüt.
Das neue Album erschien gerade und ist eine Liebeserklärung an die Kraft der Gemeinschaft und des Durchhaltevermögens. Der Titel allein ist Programm: Tuff Times Never Last reflektiert den Geist des Bandnamens „Kokoroko“, der in der nigerianischen Urhobo-Sprache „sei stark“ bedeutet. Diese Botschaft zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch die elf Tracks des Albums, die thematisch von Solidarität über Sinnlichkeit bis hin zu Kindheitserinnerungen und Verlust reichen.
Was mich fasziniert: Die Band schafft es, aus einem viral gegangenen Meme heraus ein ganzes Albumkonzept zu entwickeln, das die Schönheit aufzeigt, die aus schwierigen Zeiten erwachsen kann. Musikalisch haben sich Kokoroko seit Could We Be More deutlich weiterentwickelt. Während das Debüt noch stark vom London Jazz Sound und klassischem Afrobeat geprägt war, zeigen sie jetzt eine beeindruckende stilistische Bandbreite.
Die elf Tracks vereinen britischen R&B der 1980er Jahre mit Neo-Soul, westafrikanischem Disco, Bossa Nova, Lovers Rock und Funk zu einem kohärenten Gesamtwerk.
Diese Vielfalt ist kein Zufall:
Sheila Maurice-Grey und Onome Edgeworth haben bewusst darauf gesetzt, ihre eigene Geschichte zu erzählen und sich dabei die Freiheit zu nehmen, musikalisch zu experimentieren, ohne dabei ihre Wurzeln zu verlieren. Eigentlich so, wie man es sich von jedem Album wünscht.Das Albumcover, gestaltet von Luci Pina, ist bereits ein Statement für sich. Es zelebriert London im Sommer, die schwarze Gemeinschaft und Familie, und erinnert dabei an Filme wie Crooklyn und The Wood. Diese visuelle Hommage unterstreicht den thematischen Fokus des Albums auf Gemeinschaft und kulturelle Identität. Die Londoner Musiker verstehen es, ihre westafrikanischen und karibischen Einflüsse mit ihrer britischen Gegenwart zu verbinden, ohne dass sich das aufgesetzt oder konstruiert anfühlt.
Besonders der erste Single Sweetie zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht. Der Track verbindet warme Bläsersätze mit elektronischen Texturen und Retro-inspirierten Rhythmen zu einem Sound, der sowohl nostalgisch als auch zeitgemäß wirkt. Die Produktion ist dabei so geschickt, dass die verschiedenen Einflüsse nicht nebeneinander stehen, sondern zu einem organischen Ganzen verschmelzen. Das ist handwerklich und künstlerisch beeindruckend, besonders wenn man bedenkt, dass die achtköpfige Band aus sehr unterschiedlichen musikalischen Backgrounds kommt.
Die Bandbesetzung ist nach wie vor die Gleiche:
Sheila Maurice-Grey an Trompete und Gesang, Cassie Kinoshi am Alt-Saxophon, Richie Seivwright an der Posaune, Onome Edgeworth an der Percussion, Ayo Salawu am Schlagzeug, Tobi Adenaike-Johnson an der Gitarre, Yohan Kebede an Synthesizern und Keyboards sowie Duane Atherley an Bass und Keyboards.Diese Konstellation hat sich scheinbar als tragfähig erwiesen und zeigt jetzt ihre volle Stärke in einem Album, das sowohl einzelne Tracks als auch als Gesamtwerk funktioniert. Was Tuff Times Never Last von vielen anderen Alben unterscheidet, ist die Art, wie es verschiedene Stimmungen und Themen miteinander verwebt. Tracks wie Never Lost und Together We Are behandeln Gemeinschaft und Solidarität, während Sweetie und Closer To Me die sinnlichere Seite der Band zeigen. My Father in Heaven und Over / Reprise beschäftigen sich mit Verlust und Erinnerung. Diese thematische Vielfalt wird durch die musikalische Kohärenz zusammengehalten, die Kokoroko mittlerweile entwickelt haben. Alles klingt aus einem Guss und einfach herrlich entspannt, auch wenn die Themen ab und an kritischer Töne anschlagen.
Die Tournee zum Album wird die bisher größte der Band sein, mit einem Höhepunkt am 25. September in der O2 Academy Brixton. Wer die Band schon live erlebt hat, weiß, dass ihre Musik in diesem Setting noch eine andere Dimension bekommt. Die Energie, die sie auf der Bühne entwickeln, ist etwas, das auf Aufnahmen nur angedeutet werden kann. Ich habe es bisher leider noch nicht, habe mir aber sagen lassen, dass es sich lohnt. Die Kombination aus virtuosen Bläsersätzen, treibenden Rhythmen und der charismatischen Präsenz der Frontleute macht ihre Liveauftritte wohl zu einem Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst.
Kokoroko haben mit Tuff Times Never Last ein Album geschaffen, das ihre Position als eine der wichtigsten aktuellen Bands im Bereich zwischen Jazz, Soul und Afrobeat zementiert. Sie zeigen, dass es möglich ist, verschiedene kulturelle Einflüsse zu einem authentischen Sound zu verbinden, ohne dabei in Klischees zu verfallen oder die eigene Identität zu verlieren. Ein tolles Album. Natürlich auch auf Vinyl zu bekommen.

