Weißt du eigentlich noch, was Erykah Badu musikalisch ausmacht?
Falls diese Erinnerung ein wenig verblasst ist oder du zur Gen Z gehörst und dich vielleicht fragst, wer das überhaupt ist: Such nach ihren alten CDs. Oder noch viel besser: Besorg dir ihr Zeug auf Vinyl und leg es auf. Am besten heute noch.Den Anfang macht daher meine heutige Empfehlung, die brandneue Single „Witch Doctor“, welche schon letzte Woche veröffentlicht wurde, ich Nachzügler. Und der Track zeigt ziemlich deutlich: Badu hat die Zeit offensichtlich nicht einfach abgesessen, um uns jetzt irgendein weichgespültes Nostalgie-Comeback vorzusetzen, was man ja immer befürchtet. Sie hat sich stattdessen für rund 18 Monate mit The Alchemist im Studio eingeschlossen, genau, dem Typen, der sonst an der MPC für Leute wie Kendrick Lamar, Snoop Dogg oder Eminem schraubt.
Was dann dabei herauskommt, wenn seine fokussierte, rohe Sample-Ästhetik auf Badus unberechenbaren, vom Jazz inspirierten Ansatz prallt, lässt sich kaum in eine saubere Genre-Schublade packen. Soul, Jazz, Blues, Funk und Underground-HipHop fließen in „Witch Doctor“ ineinander, ohne dass es nach Kompromiss klingt. Es ist einfach... naja, göttlich... für Menschen, wie mich, die total auf diese Art von Musik stehen.
Der Song ist damit der Vorbote für das eigentliche Ereignis:
Am 28. August erscheint digital das komplette, neue Album. Wie es heißt? Wie das Artwork aussieht? Alles noch Streng geheim und selbst mir wurden die Infos bisher vorenthalten. Beide Infos liegen aktuell noch unter einem strikten Embargo. Das baut natürlich ordentlich Spannung auf, aber die Musik spricht bis dahin ohnehin für sich selbst. Und bitte, man muss sich das mal kurz auf der Zunge zergehen lassen. Elf Jahre. In dieser Zeit hat sich die Musikindustrie gefühlt dreimal komplett auf links gedreht. Badu war derweil auf Tour, hat als Mentorin gearbeitet, war Mutter und hat die Welt schlichtweg beobachtet und das wohl in das neue Werk einfließen lassen. Badu und The Alchemist haben die Tracks nicht einfach heimlich in Dallas und LA produziert und dann als fertiges Paket auf den Markt geworfen. Nope, sie haben das Material zwischen 2024 und 2025 einfach direkt live getestet. In kleinen exklusiven Shows. Komplett ohne Smartphones, damit nichts rausschwappt.Und ja, genau da wird es interessant, Badu zwingt ihr Publikum wieder zum echten Zuhören. Nur sie, ihr Kollektiv The Cannabinoids, The Alchemist an den Beats und die Leute im Raum. Die Stücke durften organisch wachsen und sich im direkten Austausch mit dem Publikum verändern. Das ist wirklich so erfrischend analog und widerborstig, dass es im heutigen Industrie-Zirkus fast schon wieder radikal wirkt. Inhaltlich knüpft Badu natürlich da an, wo sie immer stark war. Es geht um Identität, familiäre Prägung, weibliche Selbstbestimmung und die simple, aber gewaltige Frage, was eigentlich von uns bleibt, wenn die Welt um uns herum immer lauter und zersplitterter wird. Also genau die Themen, die uns ja iregndwie alle bewegen.
„Witch Doctor“ ist deshalb kein wehmütiger Blick in den Rückspiegel einer Künstlerin, die uns 1997 mit „Baduizm“ den Neo-Soul erklärt hat. Es ist vielmehr eine massive Ansage von jemandem, der genau weiß, wo er steht.
Bereit machen für den 28. August. Das wird mit Sicherheit groß.
Kurzer Blick aufs Label: Young
Das neue Album erscheint übrigens nicht irgendwo, sondern bei Young. Das ist weniger ein klassisches Londoner Plattenlabel und mehr ein Kunst- und Musikkollektiv. Die Idee dahinter: Sie wollen Ausnahme-Künstlern genau den Freiraum geben, den sie brauchen, um ihr eigenes Ding zu finden und auszubauen. Und weil gute Musik allein heute eigentlich nicht mehr ausreicht, hat sich die Truppe noch ein anderes, ziemlich ordentliches Ziel gesetzt: Young arbeitet aktiv daran, als Label komplett „carbon negative“ zu wirtschaften. Finde ich sympathisch.
Pressefotos © direkt über Beggars Group für Atomlabor

