Chris Read richtet deine Zimmer neu ein.
Ein warmer Rhodes-Ton und schon macht der Tag kurz weniger Lärm.
So simpel ist das natürlich nicht, aber bei Chris Read, dem Beatproduzenten aus London, komme ich immer wieder genau an diesen Punkt. Da läuft ein Beat an, irgendwo klackert die Snare trocken aus der Ecke, ein Piano legt sich sanft drüber wie Licht auf altes Holz, und plötzlich ist man wieder da. Kopf nickt. Kaffee wird kalt. Alles wie immer. Nur heute mit offenen Fenstern, da die erste starke Hitzewelle abgeklungen ist, bevor sich nächste Woche die nächste anmeldet.
Chris Read ist hier im Blog natürlich kein Fremder, ganz im Gegenteil: Seine Mixtapes, seine Rekonstruktionen alter HipHop-Jahre, seine Arbeit mit Wax Poetics und Classic Material – das alles hat bei mir über die Jahre immer wieder einen Platz gefunden. Und das nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieser Mann Musik nicht einfach zusammenklebt. Er versteht, warum ein Break funktioniert, warum ein Sample atmet und warum ein Beat einfach mehr erzählt als drei Strophen voller Selbsterklärung.
Genau deshalb fühlt sich „Miller (Music for Interiors #001)“ auch so angenehm vertraut an, so wie: Da kennt jemand die alten Räume, macht die Fenster auf und stellt neue Lautsprecher rein.
Zurück zu den Beats von Miller
Ein bisschen über drei Jahre ist es her, dass Chris Read mit „Inner Tribe Records Remixed“ ein komplettes HipHop und Soul-orientiertes Projekt veröffentlicht hat. 2023 war er dann mit monatlichen Mixtape-Veröffentlichungen zusammen mit Wax Poetics ziemlich gut beschäftigt. Danach rückte sein Nebenprojekt Suburban Architecture in den Fokus, mit fast monatlichen Vinyl-Drops. Auch schön, aber jetzt sind wir wieder bei den Beats und beim Montagsmixtape bzw. Beattape. Ja, über die Jahre habe ich hier wirklich einige coole Beattape im Blog kuratiert und euch damit ordentlich versorgt, Beats, die man vielleicht nicht so generic findet, die aber nicht ungehört irgendwo an dir vorbeirauschen sollten.
Die zehn Instrumentals auf „Miller“ bewegen sich alle in diesem klassischen HipHop-Tempo, bei dem man nicht hektisch wird, aber eben auch nicht wegdämmert, perfekt, um dabei zu arbeiten. Musik für Menschen, die beim Hören gern irgendwo zwischen Sofa, Plattenregal und innerem Stadtplan stehen, den Laptop gerade aufgeklappt haben, den ersten kaffe geschlürft haben und angenehm in eine neue Woche einsteigen möchten. Warm, jazzy, mit Rhodes, Piano, etwas Elektronik, Live-Instrumenten und hier und da einem Soul-Hook. Keine Baukastenmusik.
Musik für Innenräume, aber nicht als Fahrstuhlware.
Der Titel „Music for Interiors“ könnte schnell nach Designhotel-Playlist klingen. Nach diesem Zeug, das im Hintergrund läuft, während jemand in einer Lobby zu lange auf seinem MacBook tippt, aber keine Sorge, so steril wird es hier nicht. Keine Fahrstuhlmusik, sondern Beats mit Kopfnickerpotenzial.
Chris Read meint Innenräume offenbar nicht als seelenlose Einrichtungskulisse, sondern eher als Zustand. Vielleicht ist es auch Musik für diese seltsamen Nachmittage, an denen man nur kurz etwas hören wollte und dann doch die ganze Platte durchlaufen lässt. Nur diesmal halt ohne Platte, denn Read setzt auf echtes Tape, welches man auf Bandcamp noch erstehen kann, und wer wie ich einen neuen "Walkman" hat, der erfreut sich an diesem Move.
„Carbon Bounce“ eröffnet das Ganze mit einem angenehm federnden Einstieg und danach schiebt „I Just Wanna“ diesen Soul-Unterton dezent nach vorn, ohne gleich zu dick aufzutragen. „When You Need Me“ und „All Night Long“ haben dann genau diese Chris-Read-Handschrift, bei der Jazz, Soul und HipHop nicht nebeneinander im Regal stehen, sondern gemeinsam auf dem Teppich sitzen. „Bonita's Jam“ darf ein wenig lockerer aus der Hüfte kommen, während „No Talk“ seinem Namen ziemlich passend folgt. Weniger reden, mehr Groove.
Zum Ende hin bleibt das Album sehr rund. „Heart Beat“ nickt dabei weich durch den Raum, „SNG“ hält die Spannung, und „World Keeps Burning“ macht als Abschluss nicht auf große Geste, sondern lässt die Tür angelehnt, so dass es passt, denn „Music for Interiors #001“ ist ja ausdrücklich der Start einer Reihe. Da kommt also noch mehr, auf das wir uns freuen dürfen. Ich habe Chris Read hier früher schon im Zusammenhang mit Nas, Common, Pete Rock & CL Smooth, Little Brother und den ganzen herrlichen Sample-Ausgrabungen gefeatured. Wer sich durch die alten Beiträge klicken möchte, findet in der Chris-Read-Suche im Atomlabor genug Futter für einen längeren Abend, wobei leider einige Tapes gelöscht wurden, da Rechteinhaber diese neuen Arrangements nicht hören wollten, was sehr bedauerlich ist – aber einige Perlen kannst du noch finden.
Besonders schön als Anschluss ist natürlich das „The Breaks of '90“ Mixtape, weil dort diese Liebe zum Originalmaterial ziemlich deutlich wird. „Miller“ ist ergo nicht die nächste Archiv-Expedition von Chris, es ist eher der Moment, in dem der Sammler wieder selbst am Tisch sitzt und baut. Also etwas mit ruhiger Hand, viel Gefühl für Raum und einer Produktion.
Für mich ist „Miller (Music for Interiors #001)“ ein sehr schöner Neustart in die Beat-Spur von Chris Read. Starten, laufen lassen, kurz vergessen, dass schon wieder fünf Tabs offen sind.
Trackliste:
- Carbon Bounce
- I Just Wanna
- When You Need Me
- All Night Long
- Lay It All Down
- Bonita's Jam
- No Talk
- Heart Beat
- SNG
- World Keeps Burning
Chris Read · Music for Interiors #001
Miller
Warme Rhodes-Töne, Piano, Soul-Splitter und klassische HipHop Tempi. Chris Read baut mit „Miller“ zehn Instrumentals, die genug Raum für Stimmen lassen, aber auch allein wunderbar funktionieren.
Album bei Bandcamp öffnenMehr Chris Read im Atomlabor findest du über die Chris Read Suche im Blog.
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