Cui bono?
Ich hasse es eigentlich, über politische Geschehnisse zu schreiben, aber ich komme hier nicht drumherum, weil es mich so massiv triggert. Sirenen vor dem Washington Hilton, hektische Secret-Service-Agenten, ein hastig abgeräumter Präsident und Vizepräsident. Beim diesjährigen White House Correspondents' Dinner am vergangenen Wochenende ist genau das passiert, denn ein 31-Jähriger mit einer Schrotflinte im Gepäck wollte in den Saal, in dem Donald Trump, JD Vance und die Hauptstadtpresse saßen, wobei er nicht einmal in die Nähe des Ballsaals kam.
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Abend war jetzt nicht der vereitelte Anschlag selbst, sondern das Tempo, in dem das Weiße Haus ein reales Sicherheitsereignis in ein fertiges politisches Drehbuch übersetzt hat. Schon wieder, mag man denken, denn wir erinnern uns sicher an Butler 2024: Das blutüberströmte Gesicht, die gereckte Faust, die wehende Flagge, ja, das war visuelles Gold für jede Kampagne. In Washington fehlt das alles jetzt. Die Bilder, die man sah, die Videos, wirken wie schlechte Witze, das gab nix her. Cole Tomas Allen wird still am Security-Checkpoint gestoppt, keine echte Panik im Saal, keine Heldenpose auf der Bühne, keine Fotos für die Geschichtsbücher. Es gab noch Personen, die sich Getränkeflaschen einsteckten oder genüsslich weiter aßen. Aus Sicht der politischen PR ist das tatsächlich ein Problem, denn ohne Bilder kein halt Pathos. Trump löst das auf seine Weise, denn er liefert sofort den verbalen Soundtrack zur fehlenden Optik und diktiert den Medien den Rahmen für die kommenden Tage vor, alles doch sehr passend, wie ich finde.
Was über den Täter bekannt ist, liest sich wie das beunruhigende, aber altbekannte Profil eines amerikanischen Amokläufers, denn Cole Tomas Allen, 31, aus Kalifornien. Informatiker, nebenbei Lehrer, angereist mit dem Zug, bewaffnet mit Schrotflinte und Messern, hat ein Manifest, das Medienberichten zufolge eine antichristliche Stoßrichtung hat. Geschickt hat er dieses Dokument an seinen Bruder, der daraufhin umgehend die örtlichen Behörden alarmierte. Und genau dieses Detail wird jetzt zum Hebel. Noch bevor die Ermittlungen überhaupt richtig anlaufen, setzt Trump den Frame: Der Täter sei „gestört“, das Motiv ein gezielter Angriff auf das Christentum.
Abschnitte aus dem Dokument, die unter anderem von der New York Post veröffentlicht wurden, zeichnen ein abweichendes Bild. Laut Berichten bezeichnete sich Allen darin selbst als Christ, erklärte jedoch, er sei „nicht mehr bereit, die andere Wange hinzuhalten“.
Warte, hatte Trump nicht gerade Beef mit dem Papst und sich selbst als Jesus in einem KI-Bild dargestellt? Ja, da war doch was. Diese Aktion von Trump demonstriert Framing auf höchstem und zugleich perfidem Niveau.
Was als ein durch persönliche Radikalisierung getriebener Einzelgänger erscheint, wird von seinem Wahlkampfteam sofort zur ideologischen Zielscheibe umgemünzt. Trump positioniert sich damit nicht nur als persönliches Opfer, sondern als Verteidiger einer ganzen Religionsgemeinschaft, die er gerade verprellte. WTF?!
Um zu begreifen, warum das Trump-Lager dieses Narrativ derart aggressiv pusht, reicht ein Blick auf die nackten Zahlen dieses Frühjahrs:
Die Umfragen: Trumps Zustimmungswerte hängen zu Recht in einem historischen Tief im niedrigen 30-Prozent-Bereich fest.
Die Außenpolitik: Der Konflikt mit dem Iran ist geopolitisch und militärisch aus dem Ruder gelaufen. Das Versprechen der „starken Führung“ zerbröselt an den unkontrollierbaren Nachrichtenbildern aus dem Nahen Osten.
Die Wirtschaft: Zu Hause kommt die Krise vor allem in Form von steigenden Spritpreisen, Inflation und wirtschaftlichem Frust an.
In dieser verfahrenen Lage wirkt der Vorfall am Hilton wie ein politischer Reset-Button. Also, zumindest wie ein Versuch.
Man muss und sollte hier wirklich keine Verschwörungstheorien bemühen.
Nichts an diesem Anschlag war aus meiner Sicht „staged“ oder von Hintermännern inszeniert. Die Gefahr durch bewaffnete, psychisch instabile Einzeltäter ist in den USA nun mal eine strukturelle Realität. Was wir hier aber live beobachten durften, ist schlicht die eiskalte Verwertungslogik der modernen Politik, gerade in den Staaten.
Das Ereignis verschiebt die mediale Agenda augenblicklich. Niemand diskutiert heute über die festgefahrene Iran-Strategie (gab es da überhaupt mal eine?) oder die Benzinpreise. Die Nachrichtensender und Social-Media-Timelines füllen sich stattdessen mit Analysen über das Manifest des Schützen, antichristlichen Hass und die ständige Bedrohung des Präsidenten. Die Maschine läuft reibungslos ab. Die Politik liefert die Emotion, die Medien greifen dankbar die Klicks ab und das ist eigentlich das Problem.
Der Secret Service hat an diesem Abend seinen Job mehr oder weniger gemacht und eine mögliche "Tragödie" verhindert. Doch der demokratische Diskurs verliert trotzdem wiedermal. Ein reales Sicherheitsversagen wird binnen Stunden in ein hochwirksames politisches Ablenkungsmanöver transformiert. Epstein? Wer war das nochmal gleich?
Wenn wir also am Ende die Frage nach dem Cui bono? stellen, ist die Antwort brutal trivial:
Es nützt wiedermal dem Mann, der dringend ein neues Thema brauchte, um vom eigenen politischen Scheitern abzulenken. Ich bin wirklich genervt und angewidert von der ganzen Scheiße. Wann hört das endlich auf?