Ein Mixtape, hier und heute digital.
Doch es gibt noch Leute, die das Original besitzen. DJ Lucky Drama, der das Ding machte, zum Beispiel. Wenn man das Ding heut ins virtuelle Deck schiebt, beamt es einen ohne Umwege direkt zurück ins Wuppertal der späten Neunziger, genauer gesagt: In die BeatBox oder den Pavillion. Damals, als deutscher HipHop noch echte Ecken und Kanten hatte, war Wuppertal eine Hochburg. Zeiten, als die Beats dreckig waren und nicht für Playlisten glattgebügelt wurden.Wer die Neunziger im Westen miterlebt hat, dem muss ich "Wu-Tal" eigentlich nicht groß erklären, denn jeden verdammten ersten Freitag im Monat brannte da schlichtweg die Hütte. Die Jungs dahinter, also DJ Cream, DJ Lucky und Maz, haben 1997 nicht einfach nur eine weitere Partyreihe aus dem Boden gestampft. Nein, sie haben einen kulturellen Knotenpunkt erschaffen, der weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlte. Und diese Mixtapes? Die waren ursprünglich mal als reine Promo für die Gigs gedacht. Rückblickend betrachtet sind das aber natürlich musikalische Zeitkapseln von unschätzbarem Wert. Die Tapes wurden damals auf dem Schulhof getauscht, unzählige Male überspielt und im Walkman quasi totgehört, bis das Band irgendwann den Geist aufgab.
Ich krieg heute noch sofort Gänsehaut, wenn ich an die legendäre sechste Ausgabe denke. 4. September 1998. Alter Schwede. RAG standen da auf der Bühne und haben "Unter Tage" gefeiert und ich, fand das cool, aber live waren sie für meinen Geschmack nicht so gut wie auf Vinyl und ja, ich war vor Ort. Es war ihre verdammte Release-Party! Underground Source waren zeitgleich mit ihrer "Dealirium EP" am Start. Klar wurde das HipHop-Geschichte geschrieben, wie ein paar Jahre zuvor mit House of Pain in der BeatBox.
Über die Jahre haben sich dann im Pavillion echt alle die Klinke in die Hand gegeben, die damals Rang und Namen hatten oder kurz vor dem absoluten Durchbruch standen. Kool Savas (damals noch in einer ganz anderen Phase), Curse, Spax und Mirko Machine, Ferris MC, Roey Marquis II, Walkin' Large... Nico Suave natürlich auch.
Dass sich aus dieser verschwitzten, monatlichen Jamsession später ein waschechtes Label wie Wu-Tal Records samt eigenem Vertrieb in enger Zusammenarbeit mit Groove Attack entwickelte, war eigentlich nur die logische Konsequenz. Die Jungs hatten das Ohr einfach meilenweit näher am Asphalt als die großen A&Rs in ihren schicken Glastürmen.
Nach genau 25 Runden war dann im Jahr 2000 plötzlich Schicht im Schacht. Irgendwie tragisch auf den ersten Blick, aber vielleicht war es auch genau die richtige Entscheidung, auf dem absoluten Zenit den Stecker zu ziehen, bevor die Sache an Magie verliert. Wenn ich heute "Recognice" höre, ist das für mich dann weit mehr als bloße Nostalgie oder ein verklärter Blick zurück, es ist der rohe, unpolierte Beweis, dass eine Handvoll DJs mit echter Leidenschaft eine komplette Szene nachhaltig prägen kann. Schon verrückt, oder?
Ab und an, möchte ich dann doch die Zeit wieder zurückdrehen.
