Das Commodore Callback 8020 Smartphone ist vielleicht wirklich eine starke Idee, aber mit einem Preis, der erst einmal quer im Hals steckt.
Wenn ich hier am Schreibtisch sitze und kurz nach links schaue, stehen da ein C64 und rechts ein C16. Voll funktionsfähig. Nicht als Deko, nicht als ironisches Retro-Statement, sondern weil diese Kisten für mich immer noch etwas auslösen und zwar dieses kleine Klicken im Kopf. Einschalten, warten, loslegen. Commodore ist für mich deshalb keine Marke, die man einfach auf ein T-Shirt druckt und dann nostalgisch verklärt, Commodore ist ein Stück Tech-Geschichte, das bei mir noch ganz real herumsteht und zum Einsatz kommt. Und genau deshalb war ich sofort wach, als das Callback sich anmeldete.Welcome to the Internot
Smartphones? Too smart.
Dumbphones? Too dumb.
We built the phone in between.
Does everything you want, nothing you don’t.
From Commodore… the friendly tech company.
Ein neues Commodore-Telefon, ja ja, es gab schon mal eins und eigentlich habe ich bei der Ankündigung eher auf einen AMIGA CD64 Pocket gehofft.
Also diesmal kein weiterer Mini-Rechner für die Glasvitrine, kein Emulator-Spielzeug für den schnellen Nostalgie-Kick, sondern ein echtes Telefon für den Alltag. Oder besser gesagt: ein Gerät irgendwo zwischen Smartphone und Dumbphone. Ich bin irritiert und auch ein wenig gefrustet.
Commodore nennt das beim Callback ziemlich charmant „Less scroll. More soul.“ Hmm.. ich bin zwiegespalten. Zumal ich das vorgestellte Gerät auch ein bisschen hässlich finde.
Das Callback will nicht zurück in eine komplett analoge Welt, was ja schon mal nice ist, denn das wäre auch Quatsch. Niemand will heute ernsthaft wieder mit einem Telefon leben, das zwar Charakter hat, aber bei Navigation, Messenger oder Alltagssachen sofort aussteigt. Zumindest ist dieser Ansatz gelungen, denn das Callback lässt die nützlichen Dinge drin und wirft die nervigen raus, also kein Browser, keine Social-Media-Apps, keine klassischen Arbeits-Apps. Also genau die Bereiche, bei denen man sich gerne einredet, man würde nur ganz kurz etwas nachsehen, und 25 Minuten später weiß man nicht mehr, warum man das Gerät überhaupt entsperrt hat.
Gut, das begrüße ich wirklich. Und ja, mein Konsum an dem neuen Motorola Razr in der FIFA-Edition ist bei mir echt hoch. Nun, klar, ich arbeite beruflich mit Content, Social Media und digitalen Mechaniken. Und daher kenne ich diesen ganzen Aufmerksamkeitsapparat nicht aus einer Doku, sondern aus dem Maschinenraum. Das System ist halt nicht darauf gebaut, dich schnell wieder gehen zu lassen, sondern es will dich halten und das möglichst lange, möglichst unauffällig.
Und zugegeben, da hat Commodore mit dem Callback wirklich einen Punkt. Aber sie haben nicht das Rad neu erfunden, sondern den Zwischenphones ein neues Gewand mit Retroduktus geschenkt. Ob das reicht? Ich wage es zu vorerst stark zu bezweifeln.
Das Callback ist ein Klapptelefon und schon das ist eine kleine Geste, die ich liebe.
Du klappst es auf, nutzt es, klappst es wieder zu. Ende. Das klingt banal, ist aber im Alltag gar nicht so unwichtig, wie ich gerade mit meinem neuen Motorola festgestellt habe. Moderne Smartphones haben keinen echten Schlusspunkt, du legst sie weg, sie leuchten wieder auf, du schaust drauf, schon bist du wieder drin. Klappen ist für mich unterwegs schon eine kleine Hürde, die zwar, wenn ich will, durch das Außendisplay sanft wird, aber mich tatsächlich ein wenig ausbremst und das genieße ich wirklich.Das Callback geht also einen Schritt weiter:
Es setzt auf T9-artiges Tippen, ein kleines Außendisplay, LED-Benachrichtigungen und einen Touchscreen, der standardmäßig nicht im Vordergrund steht. Touch gibt es, aber nicht als Dauer-Einladung zum Wischen, also erst, wenn eine App ihn braucht, wird er relevant. Okay, die Philosophie ist ein wenig wie bei der Pebble. So weit, so gut, das ist clever. Nicht, weil Touch schlecht wäre, sondern weil Touch zu bequem geworden ist. Unsere Daumen haben ein Eigenleben entwickelt.
Diese kleine Unbequemlichkeit könnte genau der Trick sein, der bei einigen ziehen wird.
Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem viele Menschen ihre Technik nicht mehr loswerden wollen, aber wieder Kontrolle darüber spüren möchten. Nicht dieses moralinsaure „Leg doch einfach mal dein Handy weg“. Spannender ist daher ein Gerät, das den ganzen Quatsch natürlich gar nicht erst mitbringt.
Messenger? Ja.
Navigation? Ja.
Musik? Ja.
Kamera? Ja.
Kalender, Notizen, QR-Scanner, Wetter, Hotspot?
Alles sinnvoll.
Aber keine endlose Timeline, keine Mails vom Job am Abend, kein Browser als Hintertür in den nächsten Strudel. Das ist kein Luxusproblem, das ist ziemlich nah an digitaler Selbstverteidigung.
So. Jetzt der Teil, bei dem die Begeisterung für die Idee kurz mit Anlauf gegen die Tischkante läuft.
Commodore ruft für das Callback 8020 einen Startpreis von 499,99 US-Dollar auf. Ohne Steuer. Alter, habt ihr sie noch alle? Klar, gute Hardware darf was kosten, aber für den Kurs würde ich zu anderen Geräten greifen oder im Android-Phone endlich mal Wellness einstellen. Klar, es ist ein kleines Nischenprodukt mit eigener Software, physischer Tastatur, wechselbarem Akku, Sailfish OS, Android-App-Support, Audio-Fokus und all dem Retro-Feinschliff, hoffentlich kein Retro-Ramsch.Aber trotzdem bleibt bei mir die Frage im Raum stehen:
Wie viel Geld ist ein Telefon wert, dessen wichtigste Superkraft darin besteht, Dinge nicht zu können?
Das klingt böser, als ich es meine, denn genau diese Begrenzung ist ja der Punkt. Denn für rund 500 Dollar kauft man hier nicht das beste Smartphone, man kauft eine Haltung ein, nichts anderes. Und optisch finde ich das StarTac-Design, welches auf das Razr trifft, hier nicht so gelungen. Es wirkt für mich in den Renderbildern doch zu billig.
Was mich außerdem bremst, ist die Tatsache, dass Commodore selbst sagt, dass einige Produktbilder Renderings sind, Screens simuliert werden und Design, technische Daten sowie Features noch nicht final sind. Ey, warum habt ihr jetzt das Ding veröffentlicht? Denn wir sehen hier halt gerade noch kein fertiges Gerät, das man im Laden in die Hand nimmt, aufklappt, testet und danach wirklich beurteilen kann.
Ich wünsche Commodore wirklich, dass das Callback funktioniert und nicht aus blindem Fanboy-Reflex, sondern weil der Gedanke dahinter natürlich richtig ist. Technik muss nicht immer schneller und lauter werden. Manchmal wäre schon viel gewonnen, wenn sie einfach wieder etwas respektvoller mit unserer Aufmerksamkeit umgehen würde. Aber ich zweifle echt hart an diesem Gerät.



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