Das Ambient Set aus dem Supermarkt
In einem unscheinbaren Co-op in Sheffield passiert gerade das, wofür andere ihre Modular Systeme hochfahren. Die Tiefkühltruhen liefern ein Ambient Set, das warm und schwebend klingt, als hätte jemand stundenlang an Drones gebaut. In der Musik meint Drone übrigends einen dauerhaft gehaltenen Klang. Meist ist es ein einzelner Ton oder ein sehr reduzierter Akkord, der über lange Zeit stehen bleibt und das gesamte Stück trägt. Dieser konstante Klangteppich bildet das Fundament, über dem sich andere Elemente bewegen können, oder er wirkt ganz für sich allein als schwebende, minimalistische Klangfläche. Hat aber niemand. Kompressoren, Lüfter, Resonanzen im Raum. Mehr steckt nicht dahinter und genau das macht es hier so spannend.
Mehrere Truhen laufen dort dicht nebeneinander und erzeugen gemeinsam einen stabilen Grundton. Kein nerviges Brummen, sondern ein tragender Drone Teppich mit subtilen Schwebungen, super angenehm. Wer sich mit Obertönen, Phasing und Raumakustik beschäftigt, hört sofort, warum das funktioniert. Unterschiedliche Motorfrequenzen überlagern sich, minimale Abweichungen sorgen für Bewegung. Das Ergebnis wirkt fast komponiert, ist aber reine Physik im Zusammenspiel mit Raum und Material. Auf Reddit wird inzwischen ernsthaft diskutiert, ob das Zufall ist oder ob jemand mit Sinn für Sound die Aufstellung bewusst so gewählt hat.
Der Journalist Alim Kheraj ist für den Guardian hingefahren und hat den Sweet Spot gesucht. Hinten im Laden, dort wo mehrere Truhen eng beieinander stehen, bündelt sich das Ganze. Er beschreibt es wie ein Orchester unter Wasser. Dicht, vibrierend, beinahe meditativ. Statt schnell ein Foto zu posten, nimmt er den Sound auf. Richtige Entscheidung. Hier zählt das Ohr, nicht das Auge.
Der Mitschnitt kursiert inzwischen unter dem Titel Sheffield co op freezers auf SoundCloud, hochgeladen von Yaxu und plötzlich steht ein gewöhnlicher Supermarkt neben klassischen Field Recordings und Drone Releases. Und in einer Stadt wie Sheffield, die elektronisch geprägt ist, wirkt die Idee einer offiziellen Veröffentlichung gar nicht so abwegig. Man denkt automatisch an ein Label wie Warp Records und eine limitierte Edition mit genau diesem Maschinenchor. Würde sicher auch funktionieren. Ob Nightmares on Wax das schon gehört hat? ;)
Das eigentlich Interessante ist jedoch etwas anderes.
Es ist halt kein Kunstprojekt, es ist Alltag. Maschinen, die Waren kühlen, erzeugen eine Soundscape, für die andere Produzenten viel Zeit und Geld investieren. Wer sich mit Sounddesign auskennt, weiß, dass solche Zufälle selten sind. Raum, Abstände, Laufzeiten, Material. Alles greift hier ineinander. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität. Nicht ständig neue Sounds erzeugen, sondern vorhandene Geräusche anders hören oder generell wahrnehmen.
Einfach mal wieder aufmerksamer sein. Der nächste Einkauf wird so also zur Listening Session.
via Ronny
