Auf zum Old Port.
Sommer ist ja wirklich auch so eine Sache. Erst wartet man wochenlang darauf, dann steht er plötzlich in der Tür, als hätte er nur kurz die Jacke geholt und dann verschwindet er mal kurz wieder. Aber wenn er bleibt, dann Fenster auf, Getränk kaltstellen, Sonnenbrille suchen, obwohl sie natürlich wieder irgendwo zwischen Kabelkiste und Plattenstapel liegt. Und in ziemlich genau diesem Moment rutscht jetzt Chillhop Essentials Summer 2026 rein. Wie immer nicht unbedingt laut und aufdringlich, eher so wie ein guter Freund, der einfach den passenden Sound mitbringt und nichts weiter erklären muss. Auf den Lippen das Wort „Entspannung.".
Die neue Ausgabe der saisonalen Chillhop-Reihe bringt diesmal 24 Tracks mit. Das Setting ist wieder schön aus der eigenen kleinen Chillville-Welt gezogen. Nach dem Frühling geht es nun nach Old Port, einem Küstenviertel, in dem die Dinge offensichtlich etwas langsamer laufen als anderswo. Also genau da, wo man im Kopf gerne wäre, während draußen der Asphalt warm wird.
24 Tracks, alles easy.
Was mir an den Chillhop-Essentials immer wieder gefällt: Die Compilations wollen nichts beweisen und daher gibt es keine große Geste, keinen Sommerhit mit Leuchtreklame im Gesicht, stattdessen eine verlässliche Mischung aus Lofi-HipHop, jazzig, warmen Drums und kleinen Melodien, die sich nie nach vorne drängen, aber trotzdem hängen bleiben. Ich mag das "Gedudel" sehr.
High Tide von anbuu und Monsieur Teddy macht diesmal den Anfang und setzt direkt die Temperatur. Danach gleitet Palm von Nosmoh genau in dieses leicht träge Nachmittagsgefühl, bei dem man eigentlich etwas erledigen wollte, aber dann doch erst mal den Kopf aus dem Fenster hält, Siesta. Shin Ski liefert mit Leaving You dann einen dieser Tracks, die sofort etwas cineastisches haben. Spannend wird es für mich vor allem dort, wo die Compilation kurz die Sonnenliege verlässt und etwas mehr Bewegung reinbringt, zum Beispiel mit Pass the Plate von DESH und Deviant Sounds, Brockettlanding von Birocratic und Brockett Parsons wirkt dann wie ein kleiner Zwischenstopp an der Promenade, und Evil Needle bringt mit Lunar Funk genau die richtige Portion nächtlichen Glanz mit.
Old Port klingt nach Sommer ohne Postkartenkitsch.
Chillhop beschreibt Old Port also als Küstenviertel von Chillville, in dem der Rhythmus der Flut folgt. Das ist natürlich erstmal hübsches Worldbuilding, funktioniert hier aber auch erstaunlich gut. Die Platte klingt tatsächlich nach Wasser in der Nähe, nicht nach Urlaubskatalog, eher nach einem langen Tag, der nicht hektisch enden muss. nach, "Ich gehe gleich noch ins Freibad".
Gerade Tracks wie Curls von L'Indécis und ØDYSSEE, Carmesim von Bao oder Velarium von Plusma und Guillaume Muschalle nehmen sich Platz, ohne langsam zu werden. Das ist somit Musik für Balkon, Küche, Schreibtisch, Parkbank, Bahnfenster oder HomeOffice. Also für diese normalen Orte, die mit dem richtigen Sound plötzlich ein bisschen besser aussehen. Und ja, natürlich ist das auch wieder eine sehr sichere Bank, denn wer hier im Blog schon lange mitliest, die Essentials-Reihe seit Jahren verfolgt, weiß ungefähr, was kommt. Ich will bei dieser Serie gar nicht jedes Mal komplett überrascht werden. Ich will dieses Gefühl, dass jemand die Jahreszeit einmal sauber sortiert und auf zwei Platten legt oder halt besser auf zwei LPs mit vier Seiten. Ihr wisst schon.
Die Tracklist:
Chillhop Essentials Summer 2026 versammelt 24 neue Stücke, die zusammen eher fließen als springen. Trotzdem lohnt sich der Blick auf die einzelnen Namen, weil hier wieder ein paar bekannte Gesichter aus der Chillhop-Welt neben spannenden kleinen Abzweigungen stehen.
Vinyl, CD und dieser verdammte Sammler-Reflex.
Natürlich gibt es Chillhop Essentials Summer 2026 wieder limitiert auf Vinyl und seit 2016 habe ich sie alle. Natürlich schreibe ich das mit diesem leichten inneren Augenrollen, weil ich mir wirklich jedes Mal vornehme, jetzt mal vernünftig zu bleiben und mein Regal sagt nein. Der Kopf sagt auch nein. Die Hand klickt trotzdem. Damn... ich komme nicht davon los. Dieses Mal stehen übrigends mehrere physische Varianten bereit, eine schwarze Doppel-LP ist auf 300 Exemplare limitiert, eine gelbe Doppel LP mit 125 Exemplaren und eine transparent gelbe Doppel LP, ebenfalls mit 125 Exemplaren. Wer noch einen CD-Player im Leben hat, bekommt zusätzlich eine CD-Edition mit 100 Exemplaren. Das Ganze kommt bei den Vinyl Ausgaben mit Gatefold Artwork, bedruckten Innenhüllen, Handnummerierung und Download.
Ich mag an diesen Releases, dass sie nicht nur Begleitmusik liefern, sondern auch als Reihe im Regal Sinn ergeben. Man sieht die Jahreszeiten, man erinnert sich an alte Ausgaben, und plötzlich weiß man wieder, warum dieses Compilationsfach schon lange nicht mehr nur ein Fach ist, sondern eher ein logistisches Problem mit hübschen Covern.
Die Essentials-Reihe läuft seit 2016 und hat sich längst diesen kleinen Stammplatz im Atomlabor verdient. Nicht, weil jede Ausgabe das Rad neu erfindet, sondern weil sie zuverlässig diese bestimmte Ecke im Kopf aufräumt, in der Musik, Wetter, Plattencover und Alltag zusammenpassen. Und wenn du Vinyl sammelst, wie ich es tue, dann kennst du das Spiel sowieso.

