Wenn Smart Meter Werbung nach Amt klingt.
Zwischen Pizza-Flyern, Versicherungswerbung und der üblichen Papierlage liegt plötzlich ein Schreiben, das so viel amtliche Wichtigkeit ausstrahlt, dass es fast automatisch gerade im Briefkasten steht. Und, nein, ich meine jetzt nicht die lustige Postkarte der Bundeswehr für meinen mittleren Sohn. ;)
So ein Kandidat als Anschreiben ist mir hier in Wuppertal auf jeden Fall gerade ins Haus geflattert und ich bin ein wenig irritiert. Absender: DMG Deutsche Messwesen und das klingt auf den ersten Blick nach Behörde, Messamt oder mindestens nach jemandem mit Klemmbrett und sehr ernstem Gesicht, der deine Wohnung betreten möchte.
Ist es aber nicht.
Dahinter steht die metrify smart metering GmbH, also ein privater Anbieter im Bereich Smart Meter und genau deshalb wird die Sache interessant. Nicht, weil Smart Meter grundsätzlich schlecht wären, also ganz im Gegenteil, moderne Messtechnik kann durchaus sinnvoll sein, sondern weil dieses Schreiben auf mich persönlich so wirkt, als würde hier sehr bewusst mit Amtston, Fristen und Gesetzesvokabular gearbeitet. Und nein, das ist kein klassischer Behördenbrief, es ist ein Werbeschreiben mit für meinen Geschmack sehr offizieller Anmutung.
Der Vibe-Check | Anatomie eines sehr amtlich wirkenden Schreibens.
Lass uns diesen Brief doch einmal in Ruhe auseinandernehmen, denn er zeigt ziemlich gut, wie viel Wirkung ein paar gut platzierte Begriffe entfalten können.
Zuerst der „Wir wissen, wo du wohnst“-Effekt
Adressiert ist das Schreiben sinngemäß an die Bewohner eines Hauses und das wirkt auch erst einmal persönlich. Fast so, als hätte jemand genau diese Adresse auf dem Schirm und möchte genau dir was mitteilen. Als wäre da eine konkrete Maßnahme geplant. Und hey, so können auch städtische Anschreiben sein, welche zum Beispiel über ein Bauvorhaben in deiner Straße mitteilen. Aber hier lohnt sich der genaue Blick.
Denn da steht dieses kleine Zauberwort: Postwurfspezial.
Das ist daher keine persönliche Behördenpost, sondern eine gezielt verteilte Werbesendung. Sie landet in Briefkästen eines bestimmten Gebiets, ohne dass du persönlich gemeint sein musst. Klingt weniger spektakulär, ist aber genau der Punkt, denn die Wirkung ist persönlich, die Zustellung ist aber eher wie Masse mit Zielgebiet bzw. Targeting offline.
Das Paragraphen-Gewitter
Im Text wird dann ordentlich mit Gesetzesluft gearbeitet. Da ist vom Pflichteinbau die Rede, vom Gesetzgeber und von § 14a EnWG. Das klingt schnell nach: Bitte handeln, sonst passiert etwas.
Und genau hier wird es aus meiner Sicht heikel, nicht zwingend juristisch, aber kommunikativ. Denn solche Begriffe lösen natürlich bei vielen Menschen etwas aus. Pflicht klingt nicht nach Angebot. Pflicht klingt nach: Du musst jetzt.
Fact-Check: Was ist eigentlich § 14a EnWG?
Der § 14a des Energiewirtschaftsgesetzes betrifft nicht deinen normalen Haushaltsstrom, das Licht im Flur oder die Kaffeemaschine.
Das Gesetz regelt die Netzintegration von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen. Im Klartext: Wenn du eine fette Wärmepumpe, eine eigene Ladesäule (Wallbox) fürs E-Auto oder einen Klimaanlagen-Komplex hast, darf der Netzbetreiber diese im absoluten Notfall "dimmen", um das Stromnetz vor dem Kollaps zu bewahren.
Der Deal dabei: Als Ausgleich für diese Fernsteuerung durch den Netzbetreiber bekommst du reduzierte Netzentgelte (das sind z. B. die im Brief erwähnten 115 Euro). Wer das alles nicht hat, braucht diesen Paragraphen nicht mal zu googeln.
Hinweis: Die Neuregelung gilt primär für große Verbraucher, die ab dem 01.01.2024 in Betrieb genommen wurden. Dein alter Zähler muss deswegen nicht überteuert von einer Privatfirma getauscht werden.
Ob die konkrete Passage für dich als normalen Stromkunden überhaupt relevant ist, solltest du also im Zweifel immer direkt bei deinem bekannten Netzbetreiber oder Messstellenbetreiber prüfen. Entscheidend ist für mich hier die Wirkung des Schreibens. Es baut Druck auf, statt ruhig zu erklären.
Künstliche Eile ist selten ein guter Ratgeber.
Dann kommt die Frist, Termine seien angeblich nur bis zum 07.06.2026 freigeschaltet. Dazu die Formulierung, man bündele aktuell Kapazitäten in der Gegend.
Das ist ein bekanntes Muster aus dem Direktmarketing. Die Knappheit erzeugt Bewegung. Nur reden wir hier nicht über Sneaker, Konzerttickets oder ein limitiertes Vinyl-Release, sondern über einen Stromzähler.
Viele Menschen lesen dann nicht: „Hier möchte mir jemand ein Angebot machen.“
Sie lesen: „Da läuft eine Frist ab, ich muss mich kümmern.“
Der eigentliche Vertrag steht dann weiter unten.
Der wichtigste Punkt steht dort, wo viele nicht mehr genau hinschauen, ganz unten. Klein, grau, zwischen Formulierungen, die man im Alltag schnell überliest. Vielleicht gerade, wenn man ein wenig älter ist.
Dort wird nach meinem Lesen klar: Es geht um einen privaten Vertrag, der laut Schreiben über 24 Monate und 99 Euro brutto pro Jahr läuft.
Und da kippt der Vorgang für mich natürlich komplett. Denn ein Angebot darf natürlich ein Angebot sein. Ein Anbieter darf Kunden gewinnen. Alles okay. Aber wenn ein kostenpflichtiger Vertrag in einem Schreiben steckt, das auf den ersten Blick sehr amtlich wirkt, sollte man besonders genau hinsehen.
Warum mich sowas nervt.
Wir beide, die wir vielleicht ein bisschen technikaffin sind, riechen diesen Braten ziemlich schnell. Man liest das Schreiben, hebt kurz eine Augenbraue, schaut ins Kleingedruckte und legt es dann wahrscheinlich dahin, wo es hingehört.
Ablage P.
Aber jetzt stell dir Oma Erna vor oder deinen Vater oder die ältere Nachbarin, die ohnehin schon genug damit zu tun hat, bei Strom, Gas, Glasfaser, Bank-Apps und Krankenkassenportalen den Überblick zu behalten. Ich bekomme da wirklich sehr häufig Anrufe, um genau diesen Menschen zu helfen.
Und hey, da steht Pflichteinbau. Da steht „Gesetzgeber“. Da steht eine Frist.
Und plötzlich fühlt sich ein privates Angebot wie eine amtliche Aufforderung an. Ein Schreiben, das verunsichern kann. Und genau das ist der Punkt, der mich stört, nicht die Technik, nicht der Smart Meter an sich. Sondern diese Art der Ansprache, die aus meiner Sicht unnötigen Druck erzeugt. Klar, der Markt rund um moderne Messeinrichtungen und Smart Meter ist geöffnet und Anbieter dürfen Angebote machen, schreiben, werben. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem transparenten Angebot und einem Schreiben, das sich sehr amtlich anfühlt. Wer ein gutes Produkt hat, sollte es klar erklären können. Verständlich, offen und ohne diesen „Du musst jetzt reagieren“-Ton.
Was du tun solltest, wenn du so ein Schreiben vorfindest.
Wenn dein tatsächlicher grundzuständiger Messstellenbetreiber deinen Zähler tauschen möchte, bekommst du normalerweise eine nachvollziehbare Information. In Wuppertal sind dafür in der Regel die WSW beziehungsweise die zuständigen Stellen im Netzbetrieb (z.B. Stadtwerke) relevant.
Wenn du also so einen Brief bekommst, scanne nicht hektisch den QR-Code (ich habe ihn oben im Anschreiben natürlich abgeändert), unterschreibe nichts aus einem schlechten Gefühl heraus und buche keinen Termin, nur weil irgendwo eine Frist steht. Ruf lieber direkt bei deinem bekannten Netzbetreiber oder Messstellenbetreiber an. Oder frag jemanden, der sich damit auskennt.
Zwei Minuten Gegencheck können dir am Ende einen Vertrag ersparen, den du vielleicht gar nicht wolltest, denn aus meiner Sicht hören sich 99€ und ein 2-Jahres-Vertrag nicht so sinnvoll an. Hier bei uns zahlt ein Haushalt mit steuerbaren Verbrauchern: (Also genau die Leute mit Wärmepumpe oder Wallbox nach § 14a EnWG, die im Brief erwähnt werden) maximal 50 Euro brutto im Jahr. Und bei Oma Erna ohne diese Technik liegt man bei round about 20 Euro brutto im Jahr.
Die goldene Atomlabor-Regel:
Sprich mit deinen älteren Verwandten. Mit deinen Nachbarn. Mit den Leuten, die bei solchen Schreiben eher nervös als skeptisch werden.
Wenn oben „An die Bewohner“ steht, innen mit Pflicht gearbeitet wird und unten im Kleingedruckten plötzlich ein Preis auftaucht, dann gilt:
Smart Meter können also sinnvoll sein, Transparenz aber auch. Schreiben, die wie Behördenpost wirken und am Ende ein privates Vertragsangebot enthalten, brauchen daher einen sehr wachen Blick.
