So möchte ich Rom mal erleben.
Man schaut sich diese alten Aufnahmen von Rom an und denkt im ersten Moment:
Moment mal, das sind doch Farbfotos. Das warme Licht auf dem Kolosseum, die sanften Pastelltöne rund um den Trevi Brunnen oder die Ruinen im Forum Romanum wirken erstaunlich modern. Fast so, als hätte jemand einfach einen Filter über eine Aufnahme gelegt. Sieht einfach cool aus.
Wenn man dann genauer hinsieht, merkt man jedoch schnell, dass hier etwas ganz anderes passiert. Diese Bilder stammen aus der Zeit um 1890 und sind keine klassischen Farbfotografien. Sie wurden mit einem Verfahren hergestellt, das Photochrom heißt. Ein fotomechanischer Druckprozess aus dem späten 19. Jahrhundert, der heute fast vergessen ist. Damals hat man u.a. damit Postkartenmotive umgesetzt.
Wie der Photochrom Prozess funktioniert
Die Idee hinter Photochrom ist im Grunde ziemlich clever. Ausgangspunkt war ein normales Schwarz Weiß Negativ und daraus wurde eine Vorlage erstellt, die anschließend nicht fotografisch entwickelt wurde, sondern in eine Art Druckprozess überging, der eher an Lithografie erinnert als an Fotografie.
Für jede einzelne Farbe brauchte man einen eigenen Lithostein. Diese Steine wurden mit Asphalt beschichtet und später zum Drucken verwendet. Jede Druckplatte übertrug eine neue Farbschicht auf das Papier. Für ein einziges Bild kamen oft sechs, zehn oder sogar fünfzehn solcher Steine zum Einsatz was natürlich im Maximalfall 15 Farben bedeutete.
Am Ende entstand dann ein Bild aus vielen kleinen Farbpunkten. Wer nah genug herangeht oder eine Lupe benutzt, erkennt sofort das Raster. Aus der Entfernung wirkt aber alles wie ein echtes Foto. Aus der Nähe sieht man die Druckstruktur. Ein bisschen wie ein analoges JPEG aus dem 19. Jahrhundert.
Entwickelt wurde das Verfahren von der Zürcher Druckerei Orell Füssli. Das Ziel war klar definiert, Stadtansichten in Farbe reproduzieren zu können, lange bevor echte Farbfotografie alltagstauglich wurde. Plötzlich konnten Reisebilder in großen Mengen produziert werden. Postkarten, Souvenirs, Stadtansichten. Für die damalige Zeit war das ein gewaltiger Schritt in der visuellen Massenproduktion.
Und jetzt Rom ohne Selfie Sticks
Was bei diesen Bildern fast noch mehr auffällt als die Farben, ist die Leere. Auf manchen Aufnahmen steht irgendwo eine einzelne Frau mit einem Korb auf dem Kopf. Auf anderen läuft eine kleine Figur durch eine Straße. Mehr Bewegung gibt es kaum. Also keine Reisegruppen, keine Busse, kein Verkehr. Das Rom auf diesen Bildern wirkt ruhig und beinahe zeitlos. Die Stadt scheint langsamer zu atmen. Das sind Bilder, die man sich als Druck groß an die Wand hängen könnte, da sie absolut auffällig sind.
Ich selbst habe es bisher übrigens noch nie nach Rom geschafft, obwohl die Stadt definitiv weit oben auf meiner Bucketliste steht. Aber seien wir ehrlich, so still, menschenleer und beinahe mystisch wie auf diesen Aufnahmen wird man Rom heute vermutlich nie erleben.
Nun, im 18. und 19. Jahrhundert galt eine Reise nach Italien quasi als Pflichtprogramm für gebildete Europäer, besonders junge Männer aus wohlhabenden Familien machten eine sogenannte Grand Tour. Eine monatelange Bildungsreise durch Europa, oft mit Rom als Höhepunkt.
Der englische Schriftsteller Samuel Johnson z.B. bemerkte einmal halb ironisch, dass ein Mann ohne Italienreise immer ein Gefühl der Unterlegenheit mit sich herumtrage. Auf den Photochrom Bildern sieht man genau das Rom, das diese Reisenden suchten: keine hektische Metropole, sondern eine gewaltige Landschaft aus antiker Architektur, Ruinen und Geschichte. Ich würde echt gerne eine Zeitreise machen.
Wer die Fotos gemacht hat | Meist ein Rätsel
Interessant ist auch, dass viele dieser Bilder keinen klar benannten Fotografen haben. Die später weit verbreiteten Drucke wurden unter anderem von der Detroit Publishing Company vertrieben, einem der großen Produzenten von Bildpostkarten um 1900.
Wer jedoch tatsächlich hinter der Kamera stand, lässt sich oft nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Manchmal geben Initialen auf den Negativen Hinweise und in anderen Fällen helfen alte Produktionsbücher weiter. Viele der Fotografen bleiben jedoch bis heute anonym.
Ein digitaler Spaziergang durch das alte Rom
Nun, das Beste an der ganzen Geschichte ist, dass diese Sammlung heute frei zugänglich ist. Die Library of Congress hat insgesamt 48 dieser Rom Aufnahmen online gestellt. Die Bilder lassen sich in hoher Auflösung herunterladen, teilweise sogar als TIFF Dateien, was echt cool ist, denn beim Hineinzoomen sieht man besonders gut, wie der Photochrom Prozess funktioniert. Die Farbpunkte, die Schichten und die feinen Übergänge verraten viel über die Drucktechnik dieser Zeit.
Die Bilder zeigen ein Rom vor den großen Umbauten des 20. Jahrhunderts. Vor den Monumentalbauten der Mussolini Ära und lange vor dem heutigen Verkehrswahnsinn. Ein Rom, das uns gleichzeitig vertraut und sehr weit entfernt vorkommt.
Wer sich für Fotografiegeschichte, alte Drucktechniken oder visuelle Medien interessiert, sollte sich diese Sammlung unbedingt einmal anschauen, denn sie zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie kreativ Menschen mit Technik umgehen konnten, lange bevor digitale Bildbearbeitung überhaupt denkbar war. Und ganz nebenbei findet man in der Sammlung auch Bilder aus Köln und Düsseldorf.
Die komplette Sammlung findest du hier:
Library of Congress | Photochrom Sammlung Rom
Fotos: Library of Congress, Detroit Publishing Company Collection, ca. 1890 | PD
via Kottke