Zurück in die Vergangenheit | En Vogue
Was mir bei aktuellen Synthwave-Releases oft total fehlt ist die verdammte Geduld, ja, alles muss sofort knallen, weil sonst der Algorithmus nicht getriggert wird. Und dann ist da widerum „En Vogue“ von L’Avenue und die Zeit bleibt plötzlich stehen. Alles schwebt und man wird von Wohlgefühl eingehüllt. Also stellen wir uns doch mal einfach vor, wir liegen gerade an der Côte d'Azur, so Mitte der Achtziger. Neben einem schmilzt gerade langsam das Eis im Drink, während man sich durch ein sündhaft teures Hochglanzmagazin blättert. Hitze, aber total relaxed im Halbschatten und Neonlicht. Exakt so und ich meine wirklich exakt so, fühlt sich dieses Album an. Gerade wenn man den Song Magazine laufen lässt. Absolute Zeitreise und ich weiß da wovon ich schreibe.Jesse Reuben Wilson, der Macher hinter dem Projekt L’Avenue, kapiert es einfach, wie dieser Vibe richtig funktioniert. "Re-imagining the perfect ’80s aesthetic." nennt der Engländer es selbst. Und verdammt, er liefert auch ab. Retro ist hier nämlich nicht diese billige Karnevalsnummer, bei der man sich hektisch ein neonfarbenes Schweißband um den Kopf wickelt und sich in den Neon-Jogger hüllt, es ist eine durchgehende, in sich geschlossene Stimmung, die man sich wirklich gerne ins Wohnzimmer holt.
Die Tracklist ist dabei im Grunde ein redaktioneller Walkthrough.
Man drückt auf Play und Titel wie „Cover Girl“ oder „Electric Eyes“ blättern einem förmlich die imaginären Seiten um. Wobei jeder Track eine neue, perfekt ausgeleuchtete Fotostrecke ist. Irgendwann taucht dann „Photo Shoot“ auf und da packt Alex Bone so ein herrlich dekadentes, leicht schwüles Saxophon aus. Junge, da ist man echt richtig in dem 80er Feeling. I love it. Die Bandcamp-Community feiert das Album auch gerade völlig zurecht als "sun drenched hug on a clear blue day", was bei „Magazine“ extrem viel mit der organisch funkelnden Gitarrenarbeit von David H zu tun hat, denn das gibt dem Ganzen so einen gewissen, analogen Schmutz. Und ich für meinen Teil überlege mir sogar gerade, ob ich mir nicht die CD holen sollte.
CD? Nicht Vinyl?
Ja, wirklich, denn ich habe mir gerade eine alte Playstation 1 (Fat) geordert, welche aus der Baureihe SCPH-1002 stammt und mit neuen Koppelkondensatoren veredelt wurde. Wem das nichts sagt, dem helfe ich gerne auf die Sprünge, denn diese Baureihe gilt als HiEnd-CD-Player, die einzige mit Cinch Anschlüssen und dem (1 Bit) Sigma Delta Wandler der Firma AKM. Damit macht die Kiste 4-stelligen CD-Playern Konkurrenz und klingt fast wie Vinyl.Ich denke dabei, die Kombination dieser Musik mit dem Retro-HighEnd-Player passt perfekt. Vielleicht bestelle ich sie mir direkt in das Domizil in England um mir die Portokosten zu sparen.
Geschrieben, gespielt, produziert, abgemischt und gemastert wurde alles aus einer Baustelle. Selbst wenn bei „Phoneline“ jemand wie TEKA mitmischt und der Sound mal kurz ziemlich elegant Richtung R&B und City-Pop abdriftet, platzt die L'Avenue-Blase nicht auf. Die 80er-Farbpalette bleibt einfach grundsätzlich intakt, bis dann am Ende „As the Light Fades“ das fiktive Heft leise zuschlägt. Man endet. mit einem sehr guten Gefühl.
Geschrieben, gespielt, produziert, abgemischt und gemastert wurde alles aus einer Baustelle. Selbst wenn bei „Phoneline“ jemand wie TEKA mitmischt und der Sound mal kurz ziemlich elegant Richtung R&B und City-Pop abdriftet, platzt die L'Avenue-Blase nicht auf. Die 80er-Farbpalette bleibt einfach grundsätzlich intakt, bis dann am Ende „As the Light Fades“ das fiktive Heft leise zuschlägt. Man endet. mit einem sehr guten Gefühl.
Als Typ, der Tonträger immer noch gerne anfasst, feiere ich natürlich den physischen Aspekt dieser Kampagne. Falls du jetzt aber losklickst, um diese verrückte Minidisc-Edition oder das massiv vollgepackte Special-Vinyl-Bundle abzugreifen: Pech gehabt. Längst weg. Die Sammler waren da absolut gnadenlos und schnell unterwegs. Aber hey, die reguläre 12-Zoll Vinyl gibt es immerhin noch zur Vorbestellung für 25 Pfund, zuzüglich Versand, zuzüglich Zoll, was leider nervt. Transparentes Magenta, inklusive Hochglanzhülle sieht natürlich unverschämt gut aus und soll im Spätsommer bei den Leuten aufschlagen. Der Deal bei Bandcamp ist dabei eh unschlagbar: Du kaufst das Plastik und das System wirft dir direkt den digitalen Download hinterher. FLAC, MP3, was auch immer du brauchst, das finde ich super pragmatisch. Die Scheibe für den Plattenspieler, die Files fürs Handy in der Bahn, ohne Aussetzer.
Irgendwie beruhigt es mich, dass Projekte wie L’Avenue diesen ganzen kurzatmigen TikTok-Hype komplett ignorieren. Da drängt sich wirklich nichts auf und shiced auch auf den Algorithmus. Stattdessen wird ein richtig schönes, handverlesenes Ökosystem hochgezogen. Wer richtig tief abtauchen will, findet im L'Avenue-Store sogar die passenden 80s-Klamotten zur Musik, was ich konsequent aber auch ein wenig übertrieben finde. Trotzdem ist es irgendwie geil.

