Der Moment, als Deutschrap erwachsen wurde.
Du klickst auf auf ein altes Video, das dir der Algorithmus in die Timeline gespült hat, und merkst nach ein paar Minuten, dass es cool ist und nicht nur der Nostalgie geschuldet. So ging es mir mit „Lost in Music: Rap & Söhne“. 1998 im ZDF ausgestrahlt, also 28 Jahre her. Und plötzlich sitzt du wieder zwischen Studio Couch, verrauchten Backstage Räumen und diesem Gefühl, dass hier gerade etwas Eigenes entsteht. Ich habe gefühlt vor 100 Jahren viele der Leute damals persönlich getroffen. Auf Jams, bei Konzerten, irgendwo zwischen Jugendzentrum und Club und genau deshalb fühlt sich diese Doku nicht wie ein Archivfund an, sondern wie ein Wiedersehen. Ohne Filter. Ohne Pose. Hier mal ein Kölner, ein Sauerländer, ein Wuppertaler... man schmunzelt.Im Fokus stehen Acts wie die Stieber Twins, Fischmob, Doppelkopf, Fünf Sterne Deluxe, Eins Zwo, MC René, Freundeskreis, Dendemann, Smudo & Hausmarke und Massive Töne. Also das, was man rückblickend ohne Übertreibung als Rückgrat des damaligen Deutschrap (ja, schlimmers Wort, nennen wir es lieber Rap auf deutsch) bezeichnen kann. Die Kamera begleitet sie im Sommer 1998 durch ihren Alltag. Studio Sessions, Label Büro, Wohnzimmer, Bühne. Keine Show, kein Script. Einfach Arbeit und Überzeugung, Communitylove.
Was man dabei spürt, ist diese Phase des Suchens.
Rap auf deutsch war Mitte der Neunziger noch kein klar definiertes Spielfeld. Es gab Diskussionen um sogenannten Schlagerrap und das Festhalten an einem vermeintlich reinen HipHop Verständnis. Grabenkämpfe, die heute fast seltsam wirken. Der Film zeigt, wie diese Fronten langsam weicher werden. In den fünf Jahren vor der Doku hatte sich deutschsprachiger Rap zu einem eigenständigen Genre entwickelt. Nicht mehr nur Kopie amerikanischer Vorbilder, sondern mit eigener Sprache, eigener Haltung und eigenen Sounds, einem eigenen Verständnis. Plötzlich ging es weniger um Dogma und mehr um Ausdruck um mehr Mut zu Experimenten. Mehr Lust, Dinge anders zu machen, aber auch um Kommerz.Die Reise dieser Dokus führt nach Hamburg, Köln und Stuttgart.
Drei Städte, drei Mentalitäten. Hamburg mit Wortwitz und Coolness. Stuttgart stark von Soul und Band Strukturen geprägt. Köln näher an Medien und Infrastruktur. Und trotzdem war die Szene enger vernetzt, als man von außen dachte. Man kannte sich, man half sich, man arbeitete zusammen. Wirtschaftlich und künstlerisch. Spannend ist auch der Blick auf den wachsenden Erfolg. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Verkäufe, mehr Medienpräsenz. Mit dem kommerziellen Aufschwung verändert sich auch das Selbstbild der Künstler. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Haltung, sondern auch um Verantwortung und Außenwirkung. Wer sind wir eigentlich. Und was bleibt von dem, was uns angetrieben hat. Teilweise wurde es sicher zur Zerreißprobe. Ich erinnere mich an einige Gespräche.Gleichzeitig taucht eine neue Generation auf, die Rap auf deutsch nicht mehr verteidigen muss, sondern einfach macht. Weniger ideologisch, weniger verkrampft. Das sortiert die Szene neu. Und genau das hält die Doku fest, ohne zu werten.Wenn man sich „Rap & Söhne“ heute anschaut, merkt man, wie viel von diesem Geist noch mitschwingt. Nicht im Sound, der hat sich längst verändert. Sondern in der Idee, dass man sich seinen Raum selbst baut, wenn es ihn noch nicht gibt. das Rap auf deutsch jetzt kommerzialisiert als Deutschrap manifestiert wurde, hat so ein ganz anderes Geschmäckle und muss mal separat behandelt werden. Aber damals, ja da war die Welt zwar auch nicht in Ordnung, aber es war ein spannender Aufbruch.
Das Betrachten der Doku heute ist keine Verklärung der guten alten Zeit, denn
dafür ist der Film zu nüchtern. Nein, es ist eher ein ehrlicher Blick auf einen Moment, in dem Rap auf deutsch verstand, dass er bleiben wird. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sich das alles immer noch so nah anfühlt.
